Seit neun Jahren gibt es in Deutschland das sogenannte Turbo-Abi. Seitdem haben Gymnasiasten für das Abitur nicht mehr neun Jahre auf der weiterführenden Schule Zeit, sondern nur noch acht.
Die erste Fremdsprache wird dadurch schon in der Grundschule gelernt, eine zweite Fremdsprache wie Latein oder Französisch kommt bald dazu, und auch der Rest des Lernstoffs muss auf acht Jahre komprimiert werden. Das führt zu einiger Kritik seit der Einführung des Turbo-Abis, sodass heute einige Bundesländer wieder das alte Abitur mit neun gymnasialen Lehrjahren anbieten.

Lehrer an Tafel

©123rf.com/profile_stocking

G8 fordert mehr von den Schülern

Als ein deutlicher Nachteil von G8 wird immer wieder der erhöhte Leistungsdruck genannt, der auf den Schülern lastet. Ab der fünften Klasse wird der Schulstoff so komprimiert, dass man ihn in acht Jahren durchlaufen kann. Dabei haben die Schüler deutlich mehr zu lernen und weniger Freizeit. Häufig wenden Schüler des G8-Konzeptes wöchentlich bis zu 50 Stunden für die Schule auf, also mehr als ein in Vollzeit arbeitender Erwachsener. Da der Unterricht oft bis in den Nachmittag hinein stattfindet, bleibt häufig kaum noch Zeit für Hobbys oder Freunde. Schulische Aktivitäten wie AGs lassen sich da erst recht kaum noch unterbringen und organisieren. Viele Schüler müssen nach der Schule dann noch mit dem Bus nach Hause fahren. Wenn der Unterricht bis in den Nachmittag hinein stattfindet, kommt es vor allem in ländlichen Gegenden dazu, dass die Schüler noch eine Weile warten müssen, bis ein Bus kommt. So kann es schon vorkommen, dass man morgens im Dunkeln das Haus verlässt und abends im Dunkeln wieder nach Hause kommt. Wer hat dann noch Lust, zum Sport zu gehen? Viele Sport- und Freizeitvereine führen den Rückgang ihrer Mitgliederzahlen auf das verkürzte Abitur zurück, durch das die Kinder es einfach nicht mehr schaffen, Trainingstermine wahrzunehmen. Befürworter von G8 sagen allerdings, dass dieser Leistungs- und Zeitdruck sowie der damit verbundene Lernstress die Schüler auf das spätere Leben und den Druck an Universitäten und im Beruf vorbereitet. Für Schüler mit hohem Leistungsniveau sei G8 ebenfalls positiv, denn sie haben nun nicht mehr so viel Leerlauf, sondern werden richtig gefordert. Doch muss ein Kind der 7.Klasse schon auf das spätere Leben vorbereitet werden? Wird es nicht schon früh genug hart genug?

Die Qualität des Unterrichts bleibt auf der Strecke

Muss man den gleichen Stoff in kürzerer Zeit durchbringen, ist klar, dass die Qualität des Unterrichts unter dem Zeitdruck leidet. Einige Inhalte wurden vollständig aus den Lehrplänen gestrichen, auch für Vertiefungen oder erneutes Üben bleibt kaum Zeit. Bei G8 haben die Schüler durchschnittlich 180 Stunden weniger Mathe und 200 Stunden weniger Englisch in ihrer Schulzeit.
So müssen sich die Schüler viel selbst beibringen, wenn sie irgendetwas nicht verstanden haben. Doch sich selbst etwas beizubringen, ist natürlich nicht das Gleiche, als würde man es von einem Lehrer erklärt bekommen.

Die Abiturienten werden immer jünger

G8 oder G9

©123rf.com/profile_helmut1979

Durch G8 soll der Altersdurchschnitt der Abiturienten, der im internationalen Vergleich vor G8 recht hoch war, gesenkt werden. Deutsche Abiturienten sollen durch ihr höheres Alter nicht wettbewerbsfähig auf dem internationalen Arbeitsmarkt gewesen sein. Ein früherer Eintritt in die Berufswelt bedeutet außerdem ein Jahr mehr Einkommen und Einzahlen in die eigene Rente.
Doch durch die Einführung von G8 sind viele Abiturienten jetzt noch minderjährig, wenn sie mit der Schule fertig sind. Sie könnten dann zwar arbeiten oder studieren, dürfen aber nicht einmal die Formulare selbst ausfüllen. So selbstständig und frei, wie sie durch G8 werden sollten, sind sie dann also leider noch lange nicht. Außerdem soll die Zeit bis zum Abitur eigentlich zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbstfindung dienen. Es stärkt das Selbstbewusstsein nicht unbedingt, wenn man trotz Abitur noch auf die Unterschriften der Eltern angewiesen ist.
Wenn man es mit dem Arbeiten nicht so eilig hat, kann man das gewonnene Jahr aber nutzen, um sich selbst zu verwirklichen. Reisen, Jobben oder sich ausprobieren, bis man seine Bestimmung gefunden hat, ohne (im Vergleich zu G9) ein Jahr zu verlieren.

G8 versus G9 – was ist jetzt besser?

Ob er G8 oder G9 besser findet, muss wohl jeder für sich oder sein Kind selbst entscheiden. Da aufgrund der harten Kritiken einige Bundesländer wieder das G9-System eingeführt haben, und auch Gesamtschulen weiterhin das Abitur in neun Jahren anbieten, ist es zum Glück weiterhin möglich, selbst zu entscheiden, welche Alternative man für sich wählt. Durch die momentan herrschende Mischung von G8 und G9 ist es außerdem möglich, in das G9-System zu wechseln, wenn man feststellt, dass die Anforderungen von G8 nichts für einen sind, ohne zurückgestuft werden zu müssen.